Ein Leben im Fahrradladen

In Goslar gibt es einen Fahrradladen, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Dort stehen noch zahlreiche Fahrräder mit Stahlrahmen, Daumenschalterhebeln und 18-Gang-Schaltungen im schummerig beleuchteten Verkaufsbereich. Grelle Klamotten mit sportiven Schnitten warten auf modebewußte Käufer. In unzähligen Kisten und Schubladen schlummern seit zwanzig Jahren Kleinteile, die den meisten Radfahrern heute entweder nur ein müdes Lächeln abringen oder für Schrott gehalten werden.

Die Ehefrau des Ladenbesitzers erzählt mit traurigem Gesicht Geschichten von früher, als es noch möglich war, mit dem parallel betriebenem Schlüsseldienst durch den Winter kommen. In der Werkstatt wird seit vergangenem Jahr nicht mehr gearbeitet – der Ladenbesitzer und einzige Werkstatt-Mitarbeiter ist verstorben.

Der Laden in der Bäckerstraße erzählt Geschichten aus 38 Jahren Fahrradladen und dem Wandel der Zeit. Den rasanten Entwicklungen konnte er nicht folgen. Er mußte es aber auch nicht. Die Kunden sind immer wieder gekommen. Bis sie nicht mehr Rad gefahren sind und die nächste Generation dort nichts von dem erwerben konnte, was sie wollte.

Ich hatte die Möglichkeit, durch die Geschäftsräume schlendern zu können und ein paar Aufnahmen zu machen. Die Eigentümer haben davon gelebt, Schlüssel und Eisenwaren für Goslars Bergmänner anzufertigen und nach dem Ende des Bergbaus haben sie sich von der Reparatur und dem Verkauf von Fahrrädern ernährt.

In der Zwischenzeit ist der Laden dauerhaft geschlossen. Die verwitwete Eigentümerin findet keinen Interessenten, der die Räumlichkeiten nutzen möchte. Das mag aus daran liegen, dass Wohn- und Geschäftsräume nahtlos ineinander über gehen.

Pentax K10D

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